Praxisbeispiele für erfolgreiche Schulentwicklung
Franz Hofmann & Wilfried Kretschmer
Auszüge aus der Einführung
„Demokratie ist ein historisches Versprechen. Ihr aufklärerisches Prinzip ist theoretisch attraktiv, praktisch jedoch recht anspruchsvoll. Es setzt nämlich voraus, dass die Menschen eines demokratisch verfassten Gemeinwesens in der Lage und willens sind, politische Entscheidungen nicht nur (legitim) interessengesteuert, sondern auch verantwortungsvoll und vernünftig im Sinne eines übergeordneten Gemeinwohls zu treffen. Schon die Initiatoren und Verfechter der modernen europäischen und amerikanischen Verfassungen waren sich der Risiken bewusst, die mit der Einführung einer Volksherrschaft zwangsläufig verbunden sind. Seit ihrer Konstitution – und bis heute – begleitet die Entwicklung moderner Demokratien eine fundamentale Frage: Was kann man tun, damit das Volk seine Macht vernünftig zu gebrauchen in der Lage ist?
Als einer der Ersten hat sich der Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, der dritte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Thomas Jefferson, hierzu Gedanken gemacht. Bildung, so seine Erkenntnis, sei das Fundament jeder republikanischen Freiheit. Demokratie und Aufklärung waren für Jefferson untrennbar verbunden. Sein Postulat: Demokratie verlangt mehr als formale Gleichheit – sie verlangt vor allem die Urteilskraft ihrer Bürger (Jefferson, 1785). In der Folge analysierte Alexis de Tocqueville in seinem Werk »De la démocratie en Amérique« die amerikanische Demokratie und hob die möglichen Gefahren als »Tyrannei der Mehrheit« hervor (Tocqueville, 1835). Als Demokrat plädierte er für institutionelle »Checks and Balances«, um die Macht zu teilen und dadurch Missbrauch zu verhindern. Diese Überlegungen wurden von John Stuart Mill weitergeführt, der in seiner Schrift »On Liberty« (Mill, 1859) vor der »tyranny of the majority« warnte, die den Einzelnen unterdrücken und individuelle Freiheiten untergraben könne.
250 Jahre später und ganz aktuell ist zu konstatieren, dass »Bildung« offensichtlich nicht nur die Aneignung und das Ergebnis von Wissen, Kompetenzen und Haltungen im Kontext personaler Entwicklung (Humboldt, 1792) darstellt, sondern ebenso, als Kategorie des Einzelnen wie auch als Eigenschaft der Gruppe, eine zentrale gesellschaftliche Bedingung und Voraussetzung von gelingender Volksherrschaft ist. Demokratie ist notwendigerweise komplex und anspruchsvoll.
Sie ist nicht einfach. Sie lebt von verfassten Prinzipien und rechtlich festgelegten
Verfahren. Vor allem aber erfordert sie urteilsfähige Bürgerinnen und Bürger. Kritische Vernunft ist die tragende Säule. Der Blick auf den aktuellen Zustand der ältesten Demokratie der Neuzeit (und auf viele weitere Regionen dieser Erde) bestätigt die Fragen und Sorgen ihrer Gründer – leider – ausdrücklich.
Was kann Schule tun?
In vielen Ländern sind Schulen Orte der Konformität und Anpassung. Es geht um die Stabilisierung von Herrschaftsverhältnissen. Selektion und Disziplin sind von Bedeutung. Die »Zurichtung« (Horkheimer & Adorno, 1969) der Untertanen steht in diesen »autokratischen Schulen« im Mittelpunkt.
Im Gegensatz dazu sollen in demokratischen Gesellschaften Schulen die zentralen Orte sein, in denen junge Menschen lernen, Informationen zu hinterfragen, kritisch zu denken und Fähigkeiten zu entwickeln, um komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen und individuelle Orientierungen und Handlungsoptionen zu entwickeln. Diese »demokratischen Schulen« sollten deshalb auch Orte sein, in denen die beteiligten Akteure*innen, vor allem die Schülerinnen und Schüler, an Entscheidungen bezüglich ihrer Lern- und Arbeitsbedingungen partizipativ mitwirken können. Dies, um der jeweiligen Sache zu nützen, aber auch, um dadurch praktische Erfahrungen und Einstellungen im Sinne einer demokratischen Bildung zu erwerben. Die Vermittlung von Werten und Prinzipien des Individuums und der Aufklärung spielt in diesen »Schulen der Demokratie« eine entscheidende Rolle. Und vor dem Hintergrund derzeitiger digitaler Fragmentierung und künstlicher Intelligenz (KI) wird Bildung zur Voraussetzung für Medienkompetenz, kritisches Denken und argumentatives Urteilsvermögen (Habermas, 1962 & 1992).
Die 18 Autorinnen und Autoren dieser ganz aktuellen Veröffentlichung mit dem programmatischen Titel „Lernorte der Demokratie“, allesamt pädagogische Experten aus Theorie und Praxis, sind der Überzeugung, dass vor allem in solchen Zeiten, in denen antidemokratische Bewegungen an Einfluss gewinnen, das Thema »Demokratie und Schule« besonders relevant ist. Schule ist unter diesen Umständen mehr denn je gefordert, einen beispielgebenden und prägenden demokratischen Erfahrungsraum zu bieten. Es geht um kritische Vernunft, den Respekt und die Würde demokratischer Institutionen und nicht zuletzt um personale Bildung als reflexives Prinzip gegen völkisches Empfinden und Stimmungen der Masse. Die Frage ist allerdings, wie sich dieser Anspruch im täglichen Schulalltag – und hier im (systemisch notwendigen) Kontext von Bewertung und Auslese – verwirklichen lässt. Und wie dies dann gerade im schulischen Kernbereich des Lernens gelingen kann – und nicht bloß in mehr allgemeinen, möglicherweise nur scheinpartizipativen Formen wie beispielsweise bei der Mitgestaltung des Schullebens. Diese Publikation liefert hierzu eine Reihe von Überlegungen und versucht an Bespielen konkret aufzuzeigen, wie Schulen durch »Demokratische Haltung« und »Partizipative Handlung« als Lernorte der Demokratie erfahrbar werden können. Die Autorinnen und Autoren erläutern mit praktischen Bezügen, wie Entscheidungs- und Umsetzungsprozesse für Lehrinhalte, Lernformen und soziale Beziehungen vor Ort in Zusammenarbeit und Mitentscheidung von allen Beteiligten organisiert werden können.
Die Aufsätze in diesem Band machen deutlich, dass gelebte Demokratie in der Schule auf einem kooperativen und partizipativen Zusammenspiel aller Akteur*innen beruht. Dies angeführt von tatkräftigen Schulleitungen mit Mut und Eigensinn. Und wir betrachten die Haltungen und Handlungen der weiteren wichtigen Akteursgruppen: Wir erörtern die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer – als Einzelpersonen, in Teams, in Gremien und in Arbeitsgruppen. Demokratie kann vor allem auch im Klassenraum erfahren werden. Die Beteiligung von Schüler*innen wird ebenfalls vorgestellt und erörtert. Zudem thematisieren wir die Haltungen und Handlungen von Personen aus der Schulaufsicht und wenden uns der Bedeutung der Mitwirkung von Elternvertretungen und Elternbeiräten zu. Nicht zuletzt geht es um die Frage, welche Rolle Institutionen wie Ausbildungsseminaren, der Schulaufsicht oder lokalen Schulträgern bei der Gestaltung von Schule als demokratischem Erfahrungsraum zukommen kann.
Diese Veröffentlichung plädiert für eine Schule als einen Ort des selbstgesteuerten Lernens und des demokratischen Aufwachsens. Die Autorinnen und Autoren wollen nachvollziehbar und beispielhaft aufzeigen, in welcher Weise partizipative Handlungsmuster sowie demokratische Haltungen und daraus folgende selbstgesteuerte Arbeitsstile eine solche Schule effizient und pädagogisch erfolgreich gestalten können – und wie diese Entwicklungsprozesse dadurch zu einem demokratischen Erfahrungsraum für alle Beteiligten werden können…“
Literatur
Habermas, J. (1962): Strukturwandel der Öffentlichkeit, Luchterhand, Frankfurt am Main.
Habermas, J. (1992): Faktizität und Geltung, Suhrkamp, Frankfurt am Main.
Horkheimer, M. & Adorno, T. (1969): Dialektik der Aufklärung, Philosophische Fragmente, S. Fischer, Frankfurt am Main.
Humboldt, W. v. (1792): Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen; erstmals vollständig veröffentlicht: Breslau: Eduard Trewendt, 1851; aktuelle Ausgabe im Hofenberg Verlag, Berlin, 2016.
Jefferson, T. (1785): Notes on the State of Virginia, Edited by Frank Shuffelton, Penguin Classics, London/New York 1998.
Mill, J. S. (1859): On Liberty and other Essays, Edited by John Gray, Oxford University Press, Oxford 1998.
Tocqueville, A. de (1835): Democracy in America, Edited by Harvey C. Mansfield and Delba Winthorp, University of Chicago Press, Chicago 2000.
Franz Hofmann / Wilfried Kretschmer (Hrsg.)
Lernorte der Demokratie
Praxisbeispiele für erfolgreiche Schulentwicklung
Mit E-Book inside
Beltz Verlag 2026 | 206 Seiten
€ 30,- D | ISBN 978-3-407-25974-5
